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Das Anliegen dieser Ausstellung besteht nicht darin, diese Ereignisse erneut zu erläutern, sondern zu zeigen, wie und unter welch schwierigen Bedingungen Künstler - und welche Künstler - beiderseits der Front sie darstellten. Unter den Millionen von Soldaten befanden sich Maler aller Nationalitäten und aller Richtungen. Die um 1880 Geborenen wurden gleich zu Beginn des Konflikts mobilisiert. Sie lernten den Krieg in allen Einzelheiten kennen, da sie ihn miterlebten. Boccioni, Macke, Marc, La Fresnaye, Gaudier-Brzeska fielen oder gingen daran zugrunde. Nur Angehörige neutraler Länder wie die Spanier Picasso und Gris blieben davon verschont. Andere hingegen zogen aus Patriotismus freiwillig in den Krieg oder weil sie dieser Katastrophe nicht untätig zusehen wollten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen waren Schriftsteller und Künstler bis zu diesem Zeitpunkt unbeteiligte Zeugen des Kriegsgeschehens gewesen. 1914 waren sie erstmals gezwungen, selbst daran teilzunehmen, ob sie nun Deutsche, Briten, Italiener, Österreicher oder Franzosen waren. Léger wurde als Krankenträger, Kokoschka als Kavallerist, Beckmann als Sanitäter, Derain als Artillerist, Camoin als Tarnspezialist, Dix als MG-Schütze eingesetzt. Viele von ihnen zeichneten oder malten das Gesehene und Erlebte. Die schnell hingeworfenen Skizzen, mit denen sie an vorderster Front ihre Hefte füllten, und ihre nach der Rückkehr ins Hinterland entstandenen Gemälde sind ergreifende und wahrheitsgetreue Zeugnisse. Hätten sie es gewollt, hätten sie es gekonnt? Selbst wenn es ihnen gelungen wäre, ihre Abscheu zu überwinden, hätte sich dann der Erste Weltkrieg der künstlerischen Darstellung nicht dadurch entzogen, daß es ihm an herkömmlichen militärischen Gegenständen mangelte? Der moderne Krieg war durch seine Mechanisierung nicht mehr bildlich zu erfassen und bot den Künstlern keines der Motive mehr, derer sich die Schlachtenmalerei bis zum Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erfolgreich bedient hatte wie Attacken, Hinterhalte und symbolische Darstellungen. Wie hätte der Maler die ballistische Flugbahn eines Geschosses, einer Kugel, eine Senfgaswolke oder unterirdische Stellungen darstellen sollen, die nur durch Stacheldrahtverhaue und Erdwälle gekennzeichnet waren? Wozu hätte er eine in Rauch gehüllte Wüstenei malen sollen, denn mehr war auf den Schlachtfeldern meistens nicht zu sehen? Der Essayist Robert de la Sizeranne war sich dieser Schwierigkeit bereits bewußt, als der Krieg noch im Gange war. Er schrieb dazu: "Der moderne Krieg liefert den Schriftstellern, Psychologen, Dichtern, Stückeschreibern, Moralisten und vielleicht sogar den Musikern mehr Stoff als den Malern" (1) Und erklärend fügte er hinzu: "Bezeichnend für diesen Krieg ist außer den Schützengräben und den Maschinengewehren der Einsatz von Geschützen und anderen Maschinen wie Flugzeugen, Panzern, Unterseebooten, Torpedos. Nun sind aber die einen vollkommen unsichtbar und tun ihre Wirkung völlig im verborgenen, und das ist auch ihr Zweck. Sie liefern dem Maler kein Motiv. Die anderen sind eigentlich sichtbar, aber die Menschen haben sie beflissentlich entfremdet (…); diese gewaltigen Tötungsmaschinen werden in harmlos erscheinende Gegenstände verwandelt, getarnt wie man sagt." (2). Wenn die Maler nicht in Kampfeinheiten dienten, wurden sie nämlich in Tarnungseinheiten eingesetzt, die ab 1915 operierten. Der Deutsche Franz Marc und der Franzose André Mare entwickelten Techniken zur optischen Täuschung, Verwischung von Bezugspunkten, wodurch Ziele nicht mehr identifiziert werden konnten. Ihre Arbeit beraubte die bildende Kunst sämtlicher darstellerischen Mittel, und so trugen diese Maler zum Unvermögen ihrer eigenen Kunst bei, die nicht mehr imstande war, die entscheidenden Augenblicke der Schlacht wiederzugeben. |
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Trotzdem entstanden in dieser Zeit mehr Kunstwerke als vermutet. Sie brachten Gewalt, Angst, Begeisterung, Leid, Mitleid, Abscheu zum Ausdruck. Sie zeugten vom Bestehen des menschlichen Gewissens, wo der Krieg es zu unterdrücken versuchte und ignorierte. Die Künstler der europäischen Avantgarde, deutsche Expressionisten, französische Kubisten, britische Anhänger des Vortizismus, italienische Futuristen, sie alle sagten sich endgültig von den Regeln los, welche die Schlachtenmalerei bis dahin beherrschten. Sie versuchten, die Schwierigkeiten zu überwinden, neue Bildgegenstände und neue Mittel zu finden, die dieser neuen, entsetzlichen Wirklichkeit gerecht wurden. Diese Mittel waren im wesentlichen die des Kubismus, des Futurismus, des Expressionismus und der abstrakten Kunst. Im Mai 1915 war Léger in den Argonnen und schrieb an einen Freund: "Das ist wahrhaft ein seltsamer Krieg (…) Dieser Krieg ist das perfekte Zusammenspiel aller alten und modernen Tötungsmittel. Durchdacht bis ins Detail, aber auch langweilig, weil nichts mehr unvorhersehbar ist. Auf beiden Seiten werden wir von fähigen Köpfen geführt. Alles ist geradlinig und trocken wie eine Geometrieaufgabe. Soundso viele Geschosse in der und der Zeit auf einer bestimmten Fläche, soundso viele Soldaten auf einem Meter und zur festgelegten Zeit in Reih und Glied. Alles geschieht automatisch. Das ist reine Abstraktion, reiner als die kubistische Malerei selbst. Ich will Dir nicht verhehlen, daß ich mich zu dieser Malweise hingezogen fühle (…)" (6) Im zerstörten Verdun fand er "vollkommen unerwartete Motive, die dazu angetan sind, (sein) Kubistenherz zu erfreuen" (7). Zeichnungen und Aquarellen ist das zuträglich. Léger stellt entmenschlichte Roboterwesen dar, die Maschinen bedienen, von denen sie zerquetscht werden. Er malt Trümmerhaufen und die gebrochenen Linien eines zerschellten Flugzeugs.
1 - Robert de la Sizeranne, L'art pendant la guerre, 1914-1918, Hachette, 1919, S. 259. (Zurück) |